Weniger Naturschutz für mehr Windkraft?

Viele Tierarten, vor allem Großvögel und Fledermäuse, werden durch Windkraftanlagen beeinflusst. Manche Arten meiden dabei deren Umgebung, was den Verlust von Lebensraum bedeutet, andere können die Gefahr, die von den Rotoren ausgeht, nicht einschätzen. Bei den Letztgenannten besteht zum einen die Gefahr, dass sie durch die Rotoren erschlagen werden, andere, vor allem kleinere Arten, erleiden durch den Sog, der durch die Bewegung der Rotorblätter entsteht, tödliche innere Verletzungen (sog. 'Barotrauma').
Ob diese sogenannten windenergiesensiblen Arten im Einflussgebiet der geplanten Windkraftanlagen vorkommen und ob darunter gefährdete oder vom Aussterben bedrohte Arten sind, muss durch entsprechende Untersuchungen aufgezeigt werden.
Derzeit bestehen in Deutschland keine Vorschriften zur Qualifikation eines Gutachters, d.h. jedermann darf die Untersuchungen zum Vorkommen windenergiesensibler Arten durchführen. Ebensowenig gibt es Festlegungen für standardisierte Untersuchungsverfahren und Aussagen zu dem notwendigen Umfang. Je nach Gutachter, angewandter Untersuchungsmethoden und Untersuchungsumfang können die Ergebnisse erheblich voneinander abweichen.
Gutachten werden von den Betreiberfirmen regelrecht eingekauft, entsprechend parteiisch negieren die Gutachter die Umweltbelange. Standardisierte Untersuchungsmethoden und Hinweise auf eine notwendige Untersuchungstiefe würden die Vergleichbarkeit von Untersuchungsergebnissen ermöglichen.

WKA auf der Hüttenfelder Deponie aus Sicht des Naturschutzes

Günther Hagemeister (NABU Kreisverband Bergstraße):

Als absoluter Befürworter der Windenergie muss ich den Standort Kreismülldeponie Hüttenfeld strikt ablehnen. Nicht nur die extreme Gefährdung der Brutvögel, sondern auch die unzähligen Milane während des Weg- u. Heimzuges, die die Deponie als Orientierungspunkt bzw. deren Aufwinde nutzen, spricht entschieden gegen diesen Standort. Wir konnten bei unserer Zugbeobachtungen an einem Vormittag über 80 Milane beobachten, die die Deponie anflogen, sich hochschraubten und in Richtung MA weiterzogen.
Die Milane kommen fast alle aus den Tälern und Senken des Odenwaldes und steuern die Deponie an. Der Heimzug verläuft hauptsächlich zwischen der A 67 und Weschnitz (A5), wobei die Äcker zw. Wald und Weschnitz und auch die Weschnitzinsel zur Nahrungssuche genutzt werden. Auf den Weiden im Rückhaltebecken und auf der Pappelreihe zw. Deponie und 3111 findet man immer wieder Schlafgesellschaften. Wir haben Tage mit 7 bis 8 Milane pro Stunde, die aus Südwest kommen die Weschnitzinsel überqueren. WEA´s auf der Deponie würden zu viele Opfer fordern!!!

Gesetzlich geschützt

Die Lage ist vertrackt. Endlich entdeckt die Politik die erneuerbare Energie – schon bleibt ein Teil der Natur auf der Strecke für eine Reform, die eigentlich allen helfen soll. Kein Tierfreund ist gegen regenerative Energie. „Aber wir müssen die Atmosphäre schützen, ohne die Biosphäre zu zerstören“, bringt es Dr. Klaus Richartz auf den Punkt, der Leiter der Vogelschutzwarte und Sachverständige für Fledermausschutz. Es ist auch eine Herzensangelegenheit. Die toten Tiere aufzulesen, trifft ganz besonders die Menschen, die vor Ort für den Naturschutz einstehen.
Fledermäuse stehen unter dem Schutz des Gesetzes. Dem müssten die Mächtigen stärker Rechnung tragen, fordern die Fachleute. Es brauche fundierte Richtlinien, etwa eine „Technische Anleitung Wind“ analog zu bestehenden Regelungen wie der „TA Lärm“. Die Zeit drängt, warnt Dirk Bernd (NABU): „Einzelne Populationen gehen schon stark zurück.“

Quelle: Auszug aus: Frankfurter Rundschau, 26.10.2012